Am 9. Juli 2015 waren wir wieder einmal beim Bundespräsidenten eingeladen. Diesmal widmeten wir uns bei einem Symposium der Gegenwart und den Visionen zum Wir-Gefühl im Einwanderungsland Deutschland. Sehr treffend formulierte Gauck in seiner Begrüßung

„Deutschland ist zwar ein Einwanderungsland, so viel steht fest. Die Zahlen und Fakten dazu, sie sind ja ganz eindeutig und sie sind auch allgegenwärtig. Aber etwas anderes existiert auch und das sind unsere Emotionen. Das Wir-Gefühl und das Selbstverständnis der Deutschen haben mit dieser Entwicklung noch nicht Schritt gehalten, jedenfalls nicht überall. Das Herz unserer Gesellschaft hat noch nicht verarbeitet, was das Hirn doch längst weiß.“

Identitäts- und Mentalitätswandel bräuchten ihre Zeit – eine Einsicht, die auch uns Zwischen den Polen beschäftigt. Uns freute, dass Gauck Emilia Smechowski zitierte, eine Journalistin, die als Kind aus Polen nach Deutschland kam: „Ich will als Frau die gleichen Rechte wie ein Mann, das gleiche Gehalt, die gleichen Aufstiegschancen. Das heißt doch aber auch nicht, dass ich ein Mann sein will.“ Es stimmt: Wir als Angehörige der zweiten Generation holen uns „das Polnische zurück“, wir sind deutsch und polnisch. Gauck erläuterte, dass er die Parallele zur Gender-Thematik als Botschaft verstehe: „Ich will gleichberechtigt sein aber nicht gleich.“ Doch seine Frage: „Und warum sollten wir ein Problem haben mit solcher Differenz?“ – sollte aus unserer Sicht perspektivstark beantwortet werden. Wir wollen in einer Gesellschaft leben, die nicht gleich über Probleme sprechen muss, wenn sie auf Menschen mit mehrfachen Zugehörigkeiten blickt. In unserer Arbeit zeigen wir, wo es nicht nur selbstverständlich, sondern auch bereichernd ist, deutsch und polnisch zu sein.

Das Symposium war für uns anregend. Der sommerliche Tag im Schloss bot einige beeindruckende Momente – es waren in erster Linie interessante Personen und Themen, die uns beflügelt nach Hause gehen ließen. Wir diskutierten über die Bedeutung von Sprache und was am Ende eigentlich Zugehörigkeit schafft, schauten auf das Spannungsverhältnis von Gerechtigkeit und Toleranz als auch von Mehrheiten und Minderheiten und trugen dazu bei, überholte Fragestellungen, Erwartungen und Begrifflichkeiten zu einem positiven Blick in die Zukunft zu wenden.

Hängen geblieben ist, dass wir uns mutig weiter streiten und auch Problemdebatten öffentlich führen müssen, um die Vielfalt der Perspektiven sichtbar zu machen und nicht einzelnen Akteuren die Bühne zu überlassen. Freiheit braucht Selbstverantwortung aber auch gesellschaftliche Verantwortung.

Am Ende sind es ja immer Begegnungen, die einen verändern. Umso mehr freuten wir uns u.a. mit dem Verein DeutschPlus in Kontakt getreten zu sein, mit dem wir uns z.B. über Vor- und Nachteile einer Vereinsgründung austauschen konnten.

Symposium Bellevue

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