Polski Neukölln

Die Veranstaltung eröffnete mit der angenehmen Überraschung, dass der Buchbund überaus gut besucht war; trotz der räumlichen Enge galt die volle Aufmerksamkeit dem Thema. Nach einer Begrüßung durch Katharina Blumberg-Stankiewicz im Namen der Initiative „Zwischen-den-Polen“ wurde der Kurzfilm „Hog Heaven“ von Monika Anna Wojtyllo gezeigt. Nach einer kurzen Umbaupause, die das Publikum bereits dazu nutzte, sich über den Film auszutauschen, wurde die Podiumsdiskussion von der Moderatorin und Mitinitiatorin Irene Hahn-Fuhr eröffnet.

Hier ein paar fotografische Eindrücke aus dem Polski Neukölln:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Einleitend erläuterte Irene Hahn-Fuhr die Eckpunkte, um die sich das Gespräch drehen würde. Als Leitfragen formulierte sie: „Was heißt es, polnisch zu sein, wenn man nicht in Polen lebt? Wo ist es positiv/ negativ besetzt, wo wird es konstruktiv?“ Sie stellte klar, dass im Lauf der Diskussion diese Leitfragen mit Debatten um „Migration/Postmigration“, „Deutschland als Einwanderungsland“, „Deutsch-Polnische Beziehungen“ verknüpft werden sollten.

Maria Kossak, die im Alter von zweieinhalb Jahren mit ihrer Mutter von Warschau nach Berlin migrierte, sprach vom Verschmelzen zweier Welten, zu der sie ihre „kindliche Perspektive“ nachholend betrachten möchte. Ihre im Buchbund ausgestellten Fotocollagen mit dem Titel „Kasia in Warschau“ – es geht um die Ausschneidefigur Kasia aus einem Kinderbuch („Kasia i bombelek“), die Kossak an verschiedenen Plätzen ihrer Warschauer Kindheit (Hinterhof, Fußballfeld, Kiosk) positionierte – symbolisieren zwei ineinander verschmelzende Perspektiven, nämlich die kindliche sowie die gegenwärtige. Die bildende Künstlerin nennt als Hintergrund dieses Interesses, dass Identitätsfragen im Alter um Dreißig erneut beantwortet werden wollen; im späteren Verlauf der Diskussion verweist sie zudem auf einen Schlüsselmoment während eines Aufenthalts in Australien, der ihr verdeutlichte: sie müsse sich nicht als Polin begreifen, die in Deutschland kulturell abgewertet würde, vielmehr seien politisch aufgeladene Ausgrenzungsprozesse in den Blick zu nehmen, die weltweit zu beobachten sind.

Alice Bota beschrieb die Absurditäten des Ankommens in Deutschland: mit acht Jahren kam sie an, lernte deutsch und sprach schon zwei Jahre darauf ihre polnische Muttersprache nicht mehr. Eine Kluft zwischen Kindern und Eltern tat sich auf. Der Kontext einer illegalen Familienausreise und der anschließenden Anerkennung als Spätaussiedler seien eben spezifisch – und inwiefern genau (indem zum Beispiel der polnische Vorname Alicja unhinterfragt ‚eingedeutscht’ wird und sich dann in dieser deutschen Version auch im Alltag durchsetzt), das findet die Journalistin der ZEIT im Austausch mit einer türkisch-deutschen und einer vietnamesisch-deutschen Kollegin heraus (zu dritt verfassten sie das Buch „Wir neuen Deutschen“). Bota stellte heraus, dass es neben allen Unterschieden zu anderen Migranten bzw. Kuriositäten des ‚polnischen Spätaussiedlerseins’ etwas bedeutendes Gemeinsames gäbe: „wir sind irgendwo dazwischen, irgendwas Drittes.“ Hierin äußert sich ein politischer Anspruch: die Andersheit des Weder-Noch-Seins muss Deutschland aushalten lernen.

Piotr Buras wich von dem Fokus auf dem Podium ab: Als Autor des Buches „Muslime und andere Deutsche“ und als in Berlin lebender Korrespondent der Gazeta Wyborcza interessierte sich Buras für die Inklusivität des Deutschseins, die seines Erachtens weit gediehen sei. Irene Hahn-Fuhr wies dabei darauf hin, dass genau diese Perspektive, die Polen den deutschen Multikulturalismus erkläre, auch in Deutschland lesenswert sei. Den Diskurs um das Kunstwerk im Deutschen Reichstagsgebäude, das die „Bevölkerung“ adressiert und auf den Zusatz des „deutschen Volkes“ verzichtet, nannte er als wichtiges Beispiel seiner These, aber auch der Verweis auf die zahlreichen Kulturschaffenden mit Migrationshintergrund wie Fatih Akin, sowie auf das Postmigrantische Theater im Ballhaus Naunystrasse war in diesem Zusammenhang wichtig. Beim zuletzt von der Moderatorin auf dem Podium angerissenen Thema ‚Fußball, Nationalelf und Selbstverständnisse im Einwanderungsland’ führte Buras interessanterweise stärker die Bedeutung der Figur Özil aus, während Bota erklärte, dass Kloses Ausführungen zu seinen Herkunftsbezügen sie persönlich berührten. Und zwar nicht nur, weil Klose in derselben schlesischen Stadt geboren wurde wie sie, sondern vielmehr auch deshalb, weil seine Ausführungen demonstrierten, wie unausweichlich und stark die Kategorisierungen als ‚Anderer` auf diesen Menschen einwirken.

Als daraufhin die Diskussion fürs Publikum geöffnet wurde, zeigte sich, dass das Thema die Anwesenden für sich vereinnahmen konnte. Die Beiträge erweiterten die Debatte um generelle Migrantenproblematik in Deutschland seit den 70er Jahren, was im Dialog zwischen Podiumsteilnehmern und Publikum um den Aspekt ergänzt wurde, dass die Tatsache, dass die zweite Generation der Migranten nun ihre Stimme erhebt und eine Öffentlichkeit erreicht, eben gerade eine neue Art der Auseinandersetzung begründet, da die Angehörigen dieser Generation nicht mehr die gleiche Qualität von „Fremd-Sein“ erfüllen und empfinden wie ihre Elterngeneration und somit auch genuin Deutsche sich auf neue Art und Weise mit Migranten als „Fremde“ auseinandersetzen müssen. Auch die „gefühlte“ Unsichtbarkeit der Polen in Deutschland im Unterschied zu Migranten mit deutlich nicht-deutschem Aussehen wurde thematisiert; hervorgehoben wurde auch der Aspekt der Neuheit des Wissens um Biographien mit polnischem Migrationshintergrund (die polnischen Versager waren zu Beginn in der Torstraße nicht als Migranten erkennbar bzw. wurden nicht so aufgefasst); nicht zuletzt wurde der Aspekt diskutiert, dass Thilo Sarazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ immerhin bzw. durchaus eine positive Folge hatte, nämlich die, dass in Reaktion darauf Deutsche mit Migrationshintergrund erstmals empört in die Öffentlichkeit gingen und sich als Gruppe formierten.

Nach dem Ende der Podiumsdiskussion blieb der Großteil der Besucher am Veranstaltungsort. Es wurden rege Debatten geführt, die sich um viele Facetten der Thematik drehten.

Unser Fazit: Die betont persönliche Herangehensweise der Diskussionsleitung an das Thema – im Unterschied zu einer strikt akademischen – ermunterte sowohl die Panelisten als auch das Publikum, sich zu öffnen und gleichfalls persönliche Erlebnisse und Erfahrungen zu äußern Die Thematik der „Postmigration“ brennt auf den Nägeln. Menschen verschiedener (sozialer, geographischer) Herkunft, verschiedenen Alters und Bildungsgrades spüren, dass in der deutschen Gesellschaft etwas vor sich geht im Hinblick auf Identitätszuschreibungen sowohl für ‚Einheimische’ und auch für ‚hinzu gewanderte Einheimische’. Der Diskussionsbedarf scheint enorm zu sein, aber auch das Bedürfnis, alternative Haltungen zu suchen, die sich abgrenzen sowohl von einem veralteten Multikulturalismusbegriff, als auch von Polarisierungstendenzen (Deutschsein und Nicht-Deutschsein) Die Frage, was Polnischsein bzw. Polnischsprachigsein in Deutschland bedeutet – gerade in Bezug auf Diskurse um Selbstverständnisse im Einwanderungsland – ist noch als vage, aber als weiter erforschungswürdig zu bezeichnen

Erst gegen 24 Uhr gingen die letzten Gäste. Dies wie auch die bei intensiven Diskussionen entspannte und humorvolle Atmosphäre werten sowohl die Veranstalter „Zwischen den Polen“ als auch der Buchbund als Ausrichter als Zeichen für den Erfolg der Veranstaltung.

(Zusammenfassung: Katharina Blumberg-Stankiewicz und Elisabeth Pel-Jasiówka)

 

Advertisements