LITERATUR

Literatur von und über Migranten_innen der zweiten Generation aus Polen

Wenn über deutschsprachige Literatur von Migrant_innen der zweiten Generation gesprochen oder geschrieben wird, so stehen Autor_innen polnischer Herkunft meist nicht im Vordergrund. Einer der Gründe dafür mag vielleicht sein, dass viele der Werke erst kürzlich erschienen sind und damit noch brandaktuell sind. Eines steht aber fest: Es gibt sie – die Literatur der polnischen zweiten Generation!

Die von uns genannten Autor_innen verstehen wir als „zweite Generation“ – diese Zuordnung ist  aber natürlich nur ein Eindruck, manchmal ein Fragezeichen, mit dem wir noch nichts über das Selbstverständnis der einzelnen Autor_innen aussagen.

Die aufgeführten Werke stammen v o n Migrant_innen der zweiten Generation aus Polen, handeln aber nicht immer ü b e r Migration. Doch selbst wenn Migration nicht immer das zentrale Thema ist, so wird es doch immer wieder als Motiv aufgegriffen und spielt – auf ganz unterschiedliche Weise – eine Rolle. Spannend dabei ist, wie unterschiedlich die Autoren das Thema in ihrer Literatur verarbeiten und wie sie damit umgehen.

Wir haben nun unsere Empfehlungen in einer Liste zusammengestellt, die wir in Zukunft weiter aktualisieren möchten. Wir freuen uns daher sehr über Ergänzungen und Hinweise auf weitere Bücher und Texte, die hier noch nicht aufgeführt sind. Gerne auch von Autor_innen aus anderen Herkunftsländern.

Zur besseren Einordnung haben wir neben dem Namen der Autor_innen auch noch deren Geburtsdatum, den jeweiligen Geburtsort bzw. das Geburtsland hinzugefügt sowie einige Informationen bzw. Kurzzusammenfassungen aus dem Klappentext, eventuell auch Links zu Rezensionen. Darüber hinaus formulieren wir unsere ganz subjektiven Lesarten in kurzen Skizzen, in denen wir von unseren Gedanken, Emotionen und Assoziationen sprechen, die beim Lesen eines Buches oder Textes kamen. Diese Skizzen werden von uns in ‚Einzelarbeit‘ erstellt und mit dem Namen der Verfasserin gekennzeichnet.

Zu weiteren Kommentaren und Rezensionen direkt auf dem Blog oder per Mail an zwischendenpolen.berlin{at}gmail{dot}com laden wir ein!

 


Paul Bokowski, geb. 1982 in Mainz als Sohn polnischer Eltern

Hauptsache nichts mit Menschen (2012) Es sind keine Geschichten über die polnische Herkunft des Autors, es sind wunderbar satirische und zum Teil aber auch derbe Geschichten über Berlin und über den Wedding, wo der Autor lebt. Aber es ist ein Berlin-Buch eines Migranten der zweiten Generation. In seinen Texten macht Paul Bokowski seine polnische Herkunft zwar nicht zum Thema, aber es taucht als Motiv immer wieder auf – oft in Anknüpfung an seine Eltern. Weiteres über das Buch und den Autor erfährt man über seine Homepage.


Alice Bota, geb. 1979 in Krapkowice kam 1988 mit ihren Eltern nach Deutschland

Wir neuen Deutschen. Wer wir sind und was wir wollen (2012) von Alice Bota, Khuê Pham und Özlem Topçu. Die drei Journalistinnen haben ein Buch geschrieben über ihr Leben in Deutschland als Kinder von ausländischen Eltern. Sie reisen in die Heimatländer ihrer Eltern und erzählen in persönlichen Berichten über ihre Herkunft, über Identität und Zugehörigkeit. Ein Textauszug gibt es hier.


Sabrina Janesch, geb. 1985 als Kind eines deutschen Vaters und einer polnischen Mutter

Katzenberge (2010) Die Protagonistin ihres Debuts „Katzenberge“ ist eine Deutsch-Polin, die auf der Suche nach ihren Familienwurzeln von Berlin nach Polen und dann weiter in die Ukraine reist. Es ist eine deutsch-polnische und schlesisch-galizische Familiengeschichte. Dieses Jahr ist ihr neuer Roman „Ambra“ erschienen. Diesen schrieb sie als Stadtschreiberin in Gdansk, wo auch die Geschichte spielt. Weiteres auf der Homepage von Sabrina Janesch.


Adam Soboczynski, geb. 1975 in Toruń und reiste 1981 mit seinen Eltern nach Deutschland aus.

Polski Tango. Eine Reise durch Deutschland und Polen (2006) Fast schon ein Klassiker unter der Literatur der zweiten deutsch-polnischen Generation. Der Journalist Adam Soboczynski zog als sechsjähriger mit seinen Eltern nach Deutschland und reiste 25 Jahre später nach Polen zurück. Die Erfahrungen des Autors und seiner polnischen Familie in den 80er Jahren in Deutschland, sowie seine Eindrücke und Erlebnisse auf seiner Polen-Reise, sind Gegenstand der Texte, die in dem Buch zusammengefasst wurden. Eine Besprechung kann hier abgerufen werden.


Marzena Sowa, geb. 1979 in Stalowa Wola, 2001 nach Frankreich ausgewandert

Marzi (auf deutsch 2012) Das Comic Marzi ist aus der Perspektive eines Kindes erzählt. Es erzählt Geschichten aus dem Alltag eines neunjährigen Mädchens im Polen der 80er Jahre. Man erfährt beispielsweise von Essensmarken, von den Schlangen vor dem Lebensmittelladen, wenn einmal doch Orangen geliefert wurden, oder von den Karpfen, die vor Weihnachten in jeder polnischen Badewanne schwammen. Migration ist zwar nicht das Thema des Comics, sondern die Kindheitserinnerungen der Autorin. Aber vielleicht war gerade die Distanz zu dem Land, in dem sie ihre Kindheit verbrachte notwendig, um genau diese Geschichten auszuwählen. Eine Pressestimme dazu findet sich z. B. hier.


Alexandra Tobor, geb. 1981 in Polen, mit acht Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland ausgewandert

Sitzen vier Polen im Auto (2012) Ihre „Migrations-Groteske“ ist die Geschichte eines achtjährigen Mädchens und ihrer Familie, die Ende der 80er Jahre als Aussiedler nach Deutschland ziehen. Das Buch spielt mit vielen Klischees, ist aber sehr witzig und ist zu empfehlen für alle, die es interessiert, wie es in einem Aussiedlerwohnheim zuging, wie wichtig „Szperrmil“ ist und wie ein (polnisches) Kind die Einwanderung nach Deutschland erlebte. Sehr empfehlenswert ist auch der Blog „Betreutes Lesen“ von Alexandra Tobor in dem sie die einzelnen Kapitel des Buches mit eigenen Erinnerungen, Abbildungen und Fotos kommentiert. Besprochen z.B. in der FAZ. Weitere Pressestimmen sind auf Alexandras Homepage zu finden.